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100 Jahre Kammergericht Berlin in der Elßholzstraße

Für das Berliner Kammergericht, dem höchsten Berliner Gericht der ordentlichen Gerichtsbarkeit in Zivil- und Strafrechtspflege, entstand vor 100 Jahren ein Gebäude, auf dessen Bedeutung wir mit einem Sonder-Newsletter hinweisen möchten. Zwar betreut die BIM seit 2005 insgesamt 25 Berliner Gerichte, doch mit keinem anderen ist deutsche Geschichte so eng verknüpft wie mit dem in der Schöneberger Elßholzstraße.

Wir laden Sie ein, die Geschichte des Kammergerichts kennen zu lernen, zu erfahren, worin die Aufgaben einer Kammergerichtspräsidentin bestehen, dass es in der Dienst-Bibliothek sieben Kilometer Bücher gibt und bei einem  Rundgang mit dem Hausmeister zu erfahren ist, was es mit dem „Hausfrauenglück“ im Keller auf sich hat.

Sven Lemiss
Geschäftsführer

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"Kammergericht soll bleiben“ - „Kammergericht o.k.“

Portrait


Seinem heutigen Gebäude zum 100. Geburtstag – BIM gratuliert

Dass das Kammergericht bleiben und nicht in einem anderen aufgehen solle, legte  Friedrich Wilhelm I. schriftlich am 9. November 1714 fest. "Kammergericht o.k." sagte 1945 ein amerikanischer Gerichtsoffizier, als man ihm die Legende vom Müller von Sanssouci erzählte. Der Müller hatte mit Hilfe des Berliner Kammergerichts erfolgreich gegen seinen König, Friedrich II. (1712-1786) prozessiert. So blieb es bei dem alten Namen, doch die Gerichtsadresse des höchsten Berliner Gerichts für Zivil- und Strafsachen änderte sich im Laufe der Zeit mehrfach.

Seit 100 Jahren ist das die Elßholzstraße in Berlin-Schöneberg. Am 18. September 1913 war der feierliche Einzug des Kammergerichts mit einem großen Festakt und Bankett und unter Teilnahme des Prinzen Dr. jur. August Wilhelm von Preußen. Die Richter lasen auf ihrer Einladungskarte: „Einritt durch das Haupttor am Kleistpark. Es wird gebeten, sich um 11 ¾ Uhr einzufinden und sich im Erdgeschoss aufzustellen.“ Das Zentralblatt der Bauverwaltung vom 20. September berichtete seinen Lesern: „Für den Innenausbau waren Dauerhaftigkeit und Zweckmäßigkeit maßgebend.“ Doch weder der Begriff Kammergericht noch diese bauliche Vorgabe deuten zwingend auf Kargheit hin. Das Kammergericht  tauchte 1468 erstmalig in den Akten auf. Es befand sich „an der Kammer des Herrn“, das heißt: am Hofe des Landesfürsten, mithin eine formidable Adresse. 1735 erhielt das Kammergericht sein erstes eigenes Haus in der Lindenstraße, dort, wo zu Westberliner Zeit das Berlin-Museum war und heute ein Teil des Jüdischen Museums untergebracht ist. Man nannte es damals Collegienhaus. Bald herrschte Raumnot und einige Richter und Akten zogen zunächst in nahe gelegene Miethäuser, bis man auf dem Grundstück des ehemaligen Botanischen Gartens in Schöneberg ein geeignetes Baugelände fand.

Wenn man die Berliner Gerichtsgebäude betrachtet und Ähnlichkeiten feststellt, ist das durchaus kein Zufall. Der Wirkliche Geheime Oberbaurat Paul Thoemer, der Regierungs- und Geheime Baurat Rudolf Mönnich und der Regierungs- und Baurat Fasquel (hier mit dem Vorentwurf betraut) versahen viele  Amts- und Landgerichte  mit dem zeittypischen wilhelminischen Baustil – außen solide, innen beeindruckend. Ein Team von sechs Regierungsbaumeistern und Künstlern vollendete das Werk. „Ein Juwel der Ausstattung des Gebäudes“, so Stephan Weichbrodt in „Geschichte des Kammergerichts“, „war eine Gemäldesammlung, die die Porträts der Kammergerichtspräsidenten enthielt“, darunter ein Werk von Max Liebermann und von Christian Daniel von Rauch eine Büste. Ein besonderes Prunkstück ist die von einem Berliner Uhrenfabrikanten um 1790 gefertigte ca. zwei  Meter hohe Standuhr, die von der vergoldeten Figur der Gerechtigkeit bekrönt wird. Die meisten der in den Kriegswirren verloren geglaubten Kunstgegenstände sind allmählich wieder an ihren angestammten Platz zurückgekehrt.

Beeindruckend ist nicht nur die gerichtliche und politische Bedeutung, beeindruckend ist auch die unmittelbare Umgebung des Gebäudes. Aus dem ehemaligen Heilkräuter- und Küchengarten von Johann Sigismund Elßholz (1623-1688), Leibarzt des Großen Kurfürsten, entwickelte sich ein Mustergut mit seltenen Früchten und Pflanzen, dessen  Pflege später der Berliner Universität übertragen wurde. Die Stadt wuchs. Man brauchte Bauland. Der Botanische Garten wurde nach Dahlem verlegt.


Königskolonnaden von der Potsdamer Straße aus gesehen

Geblieben ist ein schöner Park mit altem Baumbestand und interessanten Merkmalen wie zum Beispiel die von Carl von Gontard (1731-1791) gestalteten Königskolonnaden, die die frühere Königs- heute Rathausstraße am Alexanderplatz schmückten. Im Zuge der Neubauten mussten sie weichen und wurden in die Potsdamer Straße verlegt. Sie bilden seitdem den Eingangsbereich des öffentlich zugängigen Parks, der 1911 nach Heinrich von Kleist anlässlich seines 100. Todestages benannt wurde.-

Der parkseitige Eingang zum Gebäude wird von den Respekt einflößenden bronzenen  „Rossbändigern“ des russischen Bildhauers Peter Jakob Baron Clodt von Jürgensburg (1805-1867) gesäumt. Ursprünglich vor dem Berliner Stadtschloss aufgestellt  - ein Geschenk Zar Nikolaus I. – kamen sie 1945 nach Schöneberg.


Einer der Rossbändiger

Nach vier Jahren war das fünfgeschossige Gerichtsgebäude mit seinen 540 Räumen,  großen und kleinen Innenhöfen und einigen Wohnbereichen bezugsfertig, dessen Baukosten mit 4.479.700 Mark  angegeben wurden. Sowohl von der Elßholz- als auch von der Potsdamer Straße aus gelangt man zu der dreigeschossigen Eingangshalle, die mit einer schön geschwungenen Treppe zum Plenarsaal in der ersten Etage führt. Mit 235 Quadratmetern, neben seinem reichen Raumschmuck, seinem stimmungsvollen Panoramablick in den Park, hat er vor allem für die deutsche Geschichte eine besondere Bedeutung erlangt.


Eingangshalle

In den Jahren des Ersten Weltkriegs entstanden die Decken-Allegorien von Albert Maennchen  Sie symbolisieren unter anderem Gerechtigkeit, Freiheit, Wahrheit, Eintracht, Klugheit und Weisheit. Das die Mitte beherrschende Spruchband, dessen erster Teil  „Keine Macht ohne Recht…“ lautet, verlor seinen Sinn in den Prozessen des sogenannten Volksgerichtshof, der einige Verhandlungen von seinem Standort in der Bellevue-, heute Tiergartenstraße, nach Schöneberg verlagerte. Eine Gedenktafel im Saal erinnert an die Männer des Widerstands vom 20. Juli 1944, die hier durch Roland Freisler, seit 1942 Präsident des Volksgerichtshofs,  zum Tode verurteilt wurden. Seine verabscheuungswürdige,  jeder Rechtskultur Hohn sprechende Prozessführung ist ausführlich durch Bild- und Ton-Aufnahmen dokumentiert. Nur Fabian von Schlabrendorff, einer der Männer des Widerstands, blieb am Leben. Sein Prozess am 3. Februar 1945 – wenige Wochen vor Kriegsende -  musste wegen eines Bombenangriffs, bei dem Freisler in den Kellerräumen des Gebäudes in der Bellevuestraße ums Leben kam, unterbrochen werden.


Plenarsaal

Bereits ab April 1933 hatten die Nationalsozialisten auch in den Gerichten ihre Spur hinterlassen. Jüdische Staatsanwälte, Richter, Anwälte und Referendare mussten ihre Arbeitsplätze verlassen. Diejenigen, die weder auswandern noch untertauchen konnten, erwartete bald der sichere Tod. Vor dem Eingang in der Elßholzstraße erinnern neun kleine Stolpersteine aus Messing an die ehemaligen Kollegen. Wenige Worte und Daten beschreiben ein Schicksal wie zum Beispiel dieses: „Hier arbeitete Dr. Otto Rosanes, JG.1877, Flucht 1939 Italien, Frankreich, Interniert 1943 Drangy, Deportiert, Ermordet in Auschwitz.“

Auch nach Kriegsende blieb das Gebäude im Fokus deutscher Geschichte. Im Mai 1945 kam vorübergehend das vom sowjetischen Stadtkommandanten eingesetzte Bezirksgericht Schöneberg hinein, um kurz darauf für den „Alliierten Kontrollrat“ Platz zu machen, der aus den militärischen Oberbefehlshabern der Besatzungszonen bestand.

Sitzung des Alliierten Kontrollrates 1947 im Plenarsaal
AlliiertenMuseum / ©OMGUS Photograph

Was er beschloss, hatte Gesetzeskraft. Am18. Oktober1945 tagte im Plenarsaal der Internationale Gerichtshof, der Anklage gegen 24 Hauptkriegsverbrecher, die NSDAP und ihre Verzweigungen erhob. Der Prozess selbst fand 1946 bis 1947 in Nürnberg statt.- Im gleichen Jahr – nach kurzer Pause – zog das Kammergericht in die damalige Neue Friedrich-, heute Littenstraße. Als sich 1949 Berlin in Ost und West spaltete, musste das Kammergericht West auf verschiedene Gebäude verteilt werden und erhielt erst 1951 einen festen Platz in der Witzlebenstraße im Haus des ehemaligen Reichskriegsgerichts.

Im Kontrollratsgebäude Elßholzstraße  trafen sich 1954 die alliierten Außenminister, um über Deutschlands Zukunft zu beraten. Jahre später traf man sich wieder im Plenarsaal, nun auf Botschafterebene und unter Einbeziehung der Bundesrepublik. Der erste Teil des Berlin-Abkommens (Regelung des freien Reiseverkehrs zwischen West-Berlin und dem Bundesgebiet) wurde unterzeichnet und 1971 – bei deutsch-deutscher Beteiligung - trat es am 3. Juni 1972 in Kraft. Da sprach man aber schon nicht mehr vom Kontrollratsgebäude, denn der sowjetische Vertreter hatte bereits 1948 den Kontrollrat verlassen. Lediglich die Alliierte Luftsicherheitszentrale – zu der auch die sowjetischen Vertreter gehörten - nutzte bis 1990 noch einige Räume.- An die Zeit der Alliierten erinnern die großen Fahnenmasten am Parkeingang, eine Pförtnerloge und in der Eingangshalle eine Uhr, deren Zeiger ein Seepferdchen - Talisman der amerikanischen Pioniereinheit - ist.- Erst 1991 – ein Jahr nach der Wiedervereinigung - konnte das Kammergericht wieder über sein altes Gebäude verfügen.


Parkeingang 1947 AlliiertenMuseum/©U.S.Army Photograph

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Ehrfurcht vor dem Amt

Im Gespräch mit der Kammergerichtspräsidentin Monika Nöhre     

 
Wenn man nicht gerade wegen eines Problems ein Gerichtsgebäude aufsuchen muss, kann das morgens um halb zehn ein entspannender Ort sein. Die Justizbeamten am Eingang fragen nach dem Anlass, empfehlen, als sie hören, man hat noch ein wenig Zeit für seinen Termin, vielleicht vorher in die Cafeteria zu gehen. Man dankt, möchte aber lieber die Halle auf sich wirken lassen, liest im Vorübergehen, was die Kantine bietet: Am 11. Juli gibt es Gulasch vom Schwein, Vegetarische Klopse und Marktfrischen Salat. Vereinzelt betritt ein Herr im dunklen Anzug, mit Akten in der Hand, seiner Robe über dem Arm, das Haus, um sich gleich darauf in einem der vielen Gänge dem Blick zu entziehen. 

Um zehn Uhr ist es Zeit für das Treffen mit Monika Nöhre. Der Raum, den man nun betritt, besticht durch sein strahlendes Weiß, seinen plastischen Deckenstuck, eine sofort ins Auge springende reich geschmückte zwei Meter hohe Standuhr aus dem 18. Jahrhundert und etliche historische Portraits früherer Kammergerichtspräsidenten.

Die Kammergerichtspräsidentin gibt das Zeichen für die erste Frage.

BIM:
Was haben Sie empfunden, als Sie hier an diesem Schreibtisch mit Ihrer Arbeit begannen?   
 

Monika Nöhre
: Ungeheures Glück, große Freude, dass ich Präsidentin dieses Gerichts geworden bin, aber auch eine Ehrfurcht vor der Aufgabe und auch die Frage, ob ich dem gerecht werden kann, was mit der Aufgabe verbunden ist. 

BIM: Waren Sie sich über die Aufgabe schon vorher im Klaren?      

Monika Nöhre (sehr entschieden): Ja. Ich war Vizepräsidentin des Oberlandesgerichts in Hamburg. Ich wusste, was es bedeutet, Präsident eines Oberlandesgerichtes zu sein, aber die Aufgabe in der ältesten Einrichtung Deutschlands, in diesem ehrwürdigen Gericht, ist eine andere als in anderen Oberlandesgerichten. So habe ich das bei meinem Amtsantritt empfunden, und so empfinde ich es noch heute. Und das erfährt man erst, wenn man hier wirklich angekommen ist. 

BIM: Hamburg verlassen, nach Berlin kommen, war das erst einmal ein Schock?     

Monika Nöhre:  Es war kein Schock. Ich bin ein Stadtmensch und war offen, eine andere Stadt kennen zu lernen. Ich hatte mehrfach den Beruf gewechselt. Ich war Anwältin, ich habe in verschiedenen Gerichten gearbeitet, ich habe im Ministerium gearbeitet, ich kann mich schon auf andere Situationen einstellen. Die Arbeit im eigentlichen Gerichtsbetrieb, die Arbeit in einem Senat eines Oberlandesgerichts in Hamburg oder Berlin, das Gerüst bleibt ja, das ist gleich, weil es einem vertraut ist. 

BIM:
Womit ist eine Gerichtspräsidentin in der Hauptsache beschäftigt?  

Monika Nöhre: Am häufigsten bin ich mit Angelegenheiten der Gerichtsverwaltung beschäftigt. Das klingt auf den ersten Blick trocken, ist es aber nicht wirklich. Es ist auch keine reine Aktenarbeit, sondern eine Arbeit, bei der man viele Gespräche führen muss. Ich leite ja die Oberbehörde des Landgerichts und der elf Amtsgerichte und bin verantwortlich für die Beurteilung der Richter und für das Beförderungswesen. Zuständig bin ich auch für die gleichmäßige Ausstattung der Häuser und für die angemessene Verteilung der Arbeitsbelastung zwischen ihnen, soweit das möglich ist.-    

Sie können sich vorstellen, dass es in einem so großen Zuständigkeitsbereich, es sind insgesamt über eintausend Richter, immer Wünsche gibt, die man nicht ganz erfüllen kann. Zum Beispiel gibt es in den Gerichten verschiedene Zuständigkeiten und auf einmal schwappen bei einem Gericht mehr Eingänge ein, und da muss man ausgleichen. Das ist ein Großteil meiner Arbeit. Dann bin ich noch beschäftigt mit der Rechtsprechung: Ich leite den 11. Senat, einen Zivilsenat. Ferner habe ich natürlich noch ein eigenes Haus, das ich führen muss. Und ich bin Mitglied des Präsidiums. Ich habe im Grunde drei Hüte auf: Spruchrichter, Mitglied des Präsidiums, Verwaltungschefin.   

BIM: Seit 2003, seit Ihrer Amtseinführung, gibt es jährlich erscheinende Geschäftsberichte. Wie war die Reaktion im Haus darauf? 

Monika Nöhre
: Eher unauffällig. Es gibt immer Diskussionen, ob man so etwas machen soll oder nicht. Aber die Idee ist auch ein Kind der heutigen Zeit. Vor 20 Jahren hat das noch keiner gemacht, und in Hamburg habe ich das angestoßen. Der damalige Präsident hat natürlich den Bericht bekannt gegeben, aber das ist auf meine Initiative zurück gegangen, weil ich einfach festgestellt habe, dass damit doch ein Informationsbedürfnis befriedigt werden kann. 
 

BIM: Worauf ist Ihr außerordentliches Engagement zur Aufarbeitung der Nazi-Ära insbesondere in  der Justiz zurück zu führen?    

Monika Nöhre: Es ist mit der Aufgabe hier verbunden. Wenn man sein Dienstzimmer zwei Räume entfernt von dem Plenarsitzungsaal hat und weiß, da sind die Widerstandskämpfer zum Tode verurteilt worden in erster und letzter Instanz und direkt von hier in die Justizvollzugsanstalt Plötzensee gekommen und dort auf erbärmliche Art und Weise ermordet worden, dann kann das nicht ausbleiben, dass man sich damit beschäftigt und versucht, das auch wach zu halten. 

BIM: Sie gehen alle Aspekte dieser Zeit an…  

Monika Nöhre: Beschäftigt haben wir uns aber auch mit der Justizgeschichte der DDR und allgemein mit dem Thema, das beide Funktionen hat: Justiz und Recht und wie reagiert Justiz in der Diktatur. Das ist schon ein spannendes Thema.  

BIM: Wie entstand das „Forum für Recht und Kultur“ mit seinen Vorträgen, die darauf Bezug nehmen?   

Monika Nöhre: Ich habe schon, bevor es gegründet wurde, Veranstaltungen gemacht. Da stellt sich dann aber immer die Frage, in welchem Rahmen man diese Veranstaltungen macht. Man braucht ja immer einen gewissen Geldrahmen. Und ich wollte dieses Geld nicht aus dem allgemeinen Haushalt, der ja gering genug ist, nehmen, weil es ja ein Engagement für eine bestimmte Sache ist, wobei das nicht nur Vergangenheitsbewältigung umfasst, sondern auch moderne Themen. Ich habe entschieden, zusammen mit anderen, die mich auch auf die Idee gebracht haben, einen Verein zu gründen, wie es auch andere Gerichte haben, aber da gibt es immer unterschiedliche Ausrichtungen. In Schleswig zum Beispiel kommen Schauspieler und tragen etwas vor, in Düsseldorf gibt es Kunstausstellungen, hier in Berlin bietet sich die Geschichte an. Hamburg macht auch Geschichtsveranstaltungen, nicht so konzentriert.  

BIM: Da Sie Richterin und  Anwältin waren, ja noch sind, welches war aus Ihrer Sicht der aufregendste, interessanteste Prozess und welches der traurigste, dem sie beigewohnt haben?  

Monika Nöhre: Als Anwältin habe ich auch Strafverteidigung gemacht. Als Richterin habe ich ausschließlich Zivilprozess-Angelegenheiten bearbeitet. Aus meiner Verteidigertätigkeit habe ich ganz tragische Schicksale in Erinnerung. Ich habe Jugendliche verteidigt als Pflichtverteidigerin, deren Lebenssituation mich wirklich berührt und traurig gemacht hat. 

Im Zivilprozess begegnen mir dagegen neben schwierigen Rechtsfragen gelegentlich interessante zeithistorische Fragestellungen, in Berlin oft mit Bezug auf Entwicklungen durch den Mauerfall. Aktuell haben wir eine Erbauseinandersetzung mit einem Testament, das in Teneriffa errichtet wurde, und das wir auslegen müssen. Dann haben wir einen Prozess gehabt mit einem Ungezieferbefall eines Hotels in Berlin-Mitte und die ganzen Folgen, die das hatte. Am Gendarmenmarkt, das ist so eine schöne Ecke, da hatten wir einen Prozess auf die Frage, wie weit darf ein Restaurant die Fläche vor dem Konzerthaus nutzen. Es gibt so viel verschiedene Dinge. Manchmal geht es auch um  sehr viel Geld, aber das ist oftmals auch Wirtschaftsinteresse.  

BIM:
Wie erlangt man  Ihre spürbar ausgewogene Haltung von Nähe und Distanz?   

Monika Nöhre: Ich glaube, wenn man eine solche Aufgabe hat wie ich, ist das Wichtigste das Interesse am Menschen. Denn ich habe immer gemerkt, dass die Menschen viel klüger sind, als man manchmal denkt. Sie spüren genau, ob ich mich wirklich für sie interessiere oder ob ich so etwas wie eine Plastikfreundlichkeit ausstrahle. Und ich empfinde das auch selber. Ich merke auch gleich, ob sich mein Gegenüber für mich interessiert oder nicht. Es interessiert mich, wie es in den Menschen aussieht, wie es ihnen geht. Ich glaube, das hilft.  

Zur Distanz: Da habe ich es hier sogar, glaube ich, einen Tick einfacher gehabt als in Hamburg. Ich kam als Fremde und kannte die Kollegen nicht, war noch nicht sozusagen verflochten wie in meinem früheren Leben. Ich habe keinen geduzt, sondern ich kam unbefangen von außen hinein in die Justiz. Das macht es mir ein Stück weit leichter zu sagen: ich bin neu, und ich nehme jeden von euch so an, wie ihr jetzt seid. Ihr habt keine Hypothek. Vielleicht hängt es damit ein bisschen zusammen.

BIM: Vielen Dank für das Gespräch.   

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Sieben Kilometer Bücher auf vier Ebenen

Portrait
Die Bibliothek des Kammergerichts


„Die Bibliothek des Kammergerichts nimmt die Aufgaben einer Zentral- und Archivbibliothek für den Dienstbetrieb des Kammergerichts und der zu seinem Bezirk gehörenden anderen ordentlichen Gerichte (Landgericht, Amtsgerichte) sowie der Justizverwaltung, der Staatsanwalt-, Amtsanwalt- und Rechtsanwaltschaft wahr“, heißt es auf der Website des Hauptstadtportals.

Die bereits zur Bauzeit eingeplanten Metallregale - sie haben eine Gesamtlänge von 7000 Metern - nehmen auf, was sie aus mehreren Jahrhunderten zu tragen haben: Römische Rechtsgeschichte des 16. bis 19. Jahrhunderts ist darunter, Kirchenrecht, Geschichte Deutschlands, der mitteleuropäischen Staaten und besonders die Brandenburgs und Preußens. Aktuelles bürgerliches gesamtdeutsches Recht, um nur ein Beispiel des umfangreichen Bestandes herauszugreifen, gehört neben Monographien, juristischen Fachzeit- und Festschriften ebenso dazu.

Seit einigen Jahren ist der historische Bestand überwiegend zurückgekehrt. Wertvolles Schriftgut wurde in den Kriegsjahren 1943/44 ausgelagert, darunter befanden sich auch 60.000 Bücher des Kammergerichts, die nach dem Krieg durch die Sowjetarmee dem DDR-Justizministerium übergeben wurden. Die Staatsbibliothek Unter den Linden, die die Sammlung erhielt, lagerte sie aus. Ein Bauer im Brandenburgischen stellte für monatlich 200.- DDR-Mark seine Scheune zur Verfügung. Nach der Wiedervereinigung erhöhte der Bauer die Miete für die Aufbewahrung, die mehr schlecht als sachgemäß war, um ein Beträchtliches. Das hatte den Vorteil, dass sich die Staatsbibliothek wieder an das ausgelagerte Gut erinnerte, das Kammergericht informierte und der verloren geglaubte Schatz wieder dorthin zurück geholt wurde (mit einer Zwischenlagerung im Oberverwaltungsgericht) wo er einmal war: in die Elßholzstraße. „Auch wenn Vieles verloren gegangen ist – dennoch ein großer Glücksfall für das Gericht und rechtshistorisch Interessierte“, betont Dr. Ulrich Wimmer, Richter am Kammergericht.

Die unsachgemäße Lagerung hatte den Büchern arg zugesetzt. Sie waren vom Schimmelpilz befallen. Mit ihnen umzugehen, war gefährlich. Rettung für ihre vorläufige Restaurierung ergab sich durch einen Zuschuss von der Deutschen Klassenlotterie. Seite um Seite wurden die Bücher ausgebürstet und bestrahlt und dem Bestand wieder zugeordnet. Geschichtsforscher können jetzt zum Beispiel wieder „Adelige Leichen Predigten von 1742“ lesen oder sich informieren, ob es „…ratsam ist, Missethäter durch Geistliche zum Tode vorbereiten und zur Hinrichtung begleiten zu lassen“. Man steht ehrfürchtig vor ledergebundenen mit Goldschnitt versehenen Exponaten und entdeckt in quadratischen, sehr nostalgisch anmutenden Kartons Abschlussarbeiten und Dissertationen.

Von Montag bis Freitag in der Zeit von 7.30 bis 16.00 Uhr und am Freitag von 7.30 bis 14.00 Uhr stehen die öffentlich zugänglichen Bibliotheksräume den Richterinnen und Richtern des Hauses, der Anwaltschaft und etwa Referendarinnen und Referendaren offen.

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Mit dem Hausmeister von Dach bis Keller

„Verabreden Sie sich am besten mit Bernd Wichert, der kennt alles, der weiß alles, rät mir Sascha Nagel vom Property Management der BIM, als ich ihn nach dem Kammergerichtsgebäude frage. Das stimmt.

Justiz-Hauptsekretär Bernd Wichert hat nach vorherigem Telefonat nicht nur einen Parkplatz organisiert, er wartet bereits auf dem Hof und hat überdies Informationsmaterial in der Hand. Dass das Kammergericht für ihn nicht bloß Arbeitsplatz ist, sondern ein großer Teil seines Lebens, merkt man sofort. Früher hat er mit seiner Familie sogar dort gewohnt. Auf stolzen 110 Quadratmetern, wie er betont, die heute zu Arbeitsräumen umfunktioniert sind.

Er erinnert sich lebhaft, so als wäre es gestern gewesen, an die Zeit „…mit meinen Alliierten, besonders an die Amerikaner. 45 Alliierte waren insgesamt im Haus, davon 30 Amerikaner. Die machten manchmal Kletterübungen in der Halle, hinunter von den Geschossen. Alle vier Wochen änderte sich der Vorsitz. Wer den Vorsitz hatte, hatte Hausrecht. Danach richteten sich auch die Fahnen am Parkeingang, die gehisst wurden. Zwei Fahnen sind jetzt hinzugekommen: Europa und Deutschland.“

Bernd Wichert zeigt auf einen Holzschrank in der Halle: „Da hing immer eine Hinweistafel für die Alliierten, und zwar für diejenigen, die Dienst hatten. Die Russen haben bei ihrem Auszug alles mitgenommen, sogar die Buchstaben für die Tafel. Sie glauben gar nicht, wie unspektakulär der Auszug der Amerikaner war. Am 28. Februar 1991 packte der noch in der Pförtnerloge Diensthabende seine MP ein, stellte den Fernseher aus, ein VW-Transporter fuhr vor, und nach 30 Minuten war alles vorbei.“

Der Rundgang mit ihm beginnt oben. Mit einer modernen Aufzugsanlage geht es in die durch den Dachausbau gewonnene zusätzliche 5. Etage zum Boden. Unter einer Plane ist der obere Teil des weit in die Halle hinunter ragenden Kronleuchters mit seinen 72 Glühbirnen verborgen. Hinunter geht es mit einem der aus der Bauzeit von 1913 stammenden holzverkleideten Fahrstühle, die lediglich eine moderne Türschließung erhalten haben. Nächste Station: der kleine Seitenbalkon mit bester Übersicht in den Plenarsaal, in dem ab 1944 der sogenannte Volksgerichtshof tagte. „Blicken Sie mal auf die Rosetten in den Holztüren. In der rechten Rosette befand sich eine kleine Öffnung, durch die die Linse der Kameras gesteckt wurde, um die Verhandlungen zu filmen. Die Öffnungen wurden jeweils durch eine Hakenkreuzfahne, in die ein Loch geschnitten wurde, kaschiert“, erzählt Bernd Wichert.

Nach einigen Sitzungssälen geht es in den Keller zur neuen von Öl auf Erdgas umgestellten Heizungsanlage, die einem mit leuchtenden Augen erklärt wird. „Und nun zeige ich Ihnen das Hausfrauenglück, die Entstäubungsanlage aus dem Jahre 1913, die damals eingesetzt wurde.“ Mit einem mobilen Saugrohr wurden die Räume gereinigt, während sich der Lärm verursachende Motor im Kellergeschoss befand. Mit der Bemerkung: „Das gibt es heute wieder in einigen Häusern, besonders in Amerika“, beschließt Bernd Wichert den Gang durch „sein“ Haus.

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Resümee aus dem Property Management

Sascha Nagel betreut das Kammergerichtsgebäude seit 2007 als Property Manager

„Für mich nimmt das Gebäude des Kammergerichts eine herausragende Stellung unter den Berliner Gerichtsgebäuden ein. Die imposante Erscheinung kommt vor allem beim Zugang über den Kleistpark zur Geltung und setzt sich beim Betreten des Gebäudes über die Haupthalle fort.

Interessant finde ich die kleinen zeittypischen Details und Geschichten. Da sind zum Beispiel die Originalaufzüge von 1913, das Seepferdchen als Maskottchen der Alliierten als Zeiger der Uhr in der Haupthalle und die Abseilübungen der Amerikaner oder die Schweine, die sich anfangs die sowjetischen Alliierten in der 4. Etage hielten, da wo heute die Bibliothek ist. Eine Besonderheit bilden auch die Fahnenmasten, die aus der Zeit der vier Alliierten unter besonderem Schutz stehen.“  Kein anderes Gebäude in der Stadt flaggt zum Beispiel am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, vierfach: Links und rechts außen wird die Europaflagge gehisst, in der Mitte Deutschland und Berlin. Wenn zum Beispiel ein  besonderer Gast im Haus erwartet wird, fällt eine Europaflagge zugunsten des Gastlandes fort.

"All das spiegelt sich in dem einzigartigen Charakter dieses Gebäudes wider und macht die Arbeit spannend und abwechslungsreich", sagt Sascha Nagel, der für die BIM seit 2007 das Kammergerichtsgebäude betreut.

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Quellennachweis:

Jahresberichte Kammergericht 2003, 2009, 2011
„Die Geschichte des Kammergerichts von 1913 bis 1945“, Stephan Weichbrodt, 2009
„Gerichtsgebäude in Berlin“, Volker Kähne, 1988
Berlin.de-Das offizielle Hauptstadtportal
„Berliner Zeitung“
Photos von 1947: AlliiertenMuseum
Wikipedia

Neuerscheinung:
Jürgen Kipp,
„Einhundert Jahre“ - Zur Geschichte eines Gebäudes 1913-2013
ca. 390 Seiten, ca. 100 Abb., € 69.-
BWV Berliner Wissenschafts-Verlag, ISBN 978-3-8305-3226-2

Texte: Kristina Behnke
Redaktion: Katja Cwejn, Kristina Behnke, Johanna Steinke

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